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Autor: Roland Schöbl
Quelle: Sexuologie 14 (3–4) 2007 117 – 123 / Elsevier-Urban & Fischer
http://www.elsevier.de/sexuologie
Original als PDF: www.archive.org

Die "Glücks-Ehe" des Carl Buttenstedt.
Vom Stillen des Ehemanns als Geheimlehre um 1900
von Roland Schöbl

The "Marriage of Happiness" of Carl Buttenstedt.
On the nursing of the husband as esoteric doctrine around 1900

Abstract: Carl Buttenstedt embodies protypically the sense of a new beginning as well as the anxieties of early modernity. He is interested in technical innovations and human progress, albeit in a way which would not make him a follower of a spiritual green movement today. His concept of the "Marriage of Happiness", which is based on the assumption of a mystical union brought about by the exchange of fluids, distinguishes between the pleasure dimension of sexuality and that of reproduction, and places pleasure in the service of marital bonding. The phenomena he describes form the basis of present-day "adult nursing relationships".
Keywords: Erotic lactation, contraception, bonding, Oxytocin

Zusammenfassung: Carl Buttenstedt verkörpert prototypisch die Aufbruchsstimmung, aber auch die Ängste der frühen Moderne: Er ist an technischen Innovationen interessiert und am menschlichen Fortschritt, allerdings in einer Weise, die ihn heute wohl zu einem Anhänger einer spirituellen Ökobewegung machen würde. Sein Konzept der "Glücks-Ehe", das auf der Annahme eines mystischen Einswerdens qua Flüssigkeitsaustausch basiert, trennt die Lustdimension der Sexualität von der der Fortpflanzung ab, stellt die Lust allerdings in den Dienst ehelicher Bindung. Die von ihm beschriebenen Phänomene liegen heutigen "Erwachsenen-Stillbeziehungen" zu Grunde.
Schlüsselwörter: Erotische Lactation, Verhütung, Bindung, Oxytocin

Carl Buttenstedt – ein Prophet des ehelichen Glücks

Carl Buttenstedt war Ende des 19. Jahrhunderts vor allem als Flugpionier und Gegner Otto Lilienthals bekannt geworden. Beide unterschied, dass Lilienthal mit systematischen Versuchen zum Erfolg kommen wollte, Buttenstedt dagegen genaue Beobachtungen des Volgelflugs durchführte und dann zu spekulieren begann. Lilienthal verspottete ihn daher als "Gefühlsmechaniker", während Buttenstedt widerum behauptete, Lilienthal hätte wesentliche Ideen nur ihm zu verdanken (vgl. Abb. 1 und 2).
Daneben war Buttenstedt Anhänger der frühen FKK-Bewegung, Naturist und Vegetarier und das von ihm geforderte naturgemäße Verhalten beinhaltete auch die Gleichberechtigung der Frau, sowie die Abschaffung des Korsetts. Die erste FKK-Zeitung Hellas, später Deutsch Hellas, die 1907 und 1908 erschien (Abb. 3), nannte sich im Untertitel Erste illustrierte Reform-Zeitschrift zur Gesundung des gesamten nationalen Lebens und Organ der Buttenstedt‘schen Empfindungsphilosophie.
Mit einer weiteren Theorie wurde Buttenstedt Anfang des 20. Jahrhunderts immerhin so bekannt, das ihn Magnus Hirschfeld in einer Fussnote [1] erwähnte und er auch mit einem eigenen Artikel in das Bilderlexikon der Erotik [2] des Instituts für Sexualforschung in Wien Eingang fand: Er empfahl nämlich, dass der Ehemann mehrmals täglich die Milch aus der Brust seiner Frau trinken solle, um beiden Glück und ein langes Leben zu bringen, wenn nicht gar die Unsterblichkeit. Außerdem sollte durch das Stillen des Mannes die Regel zum Erliegen gebracht werden, um die Anzahl der Geburten begrenzen zu können – eine natürliche Verhütungsmethode also.
Buttenstedts "Glücks-Ehe-Theorie" war einerseits zweifellos ein Gemisch wilder Spekulationen, die sich in ein zeitgemäßes Menschenbild einfügten, andererseits enthält sie einen praktikablen Kern.
Die Entstehung seiner Theorie verbindet Buttenstedt – damals schon im fortgeschrittenen Alter, und auf der Suche nach so etwas wie dem Elixier des Lebens – mit einem Brief eines anonymen Arztes, der eine Verjüngungsmethode entwickelt hatte. Für diese Idee habe ihn dessen eigener Vater allerdings in die Irrenanstalt einweisen lassen, der Arzt hätte seine Theorie jedoch für richtig befunden und ihn entlassen. Auch andere medizinische Autoritäten hätten die Idee für bahnbrechend gehalten und ein Professor habe sich sogar die Haare gerauft und geschrien: "Sind wir denn nur bisher blind gewesen?" (Buttenstedt 1910: 22) [3].
Dieser anonyme Arzt bat nun Buttenstedt, seine Autorität in die Waagschale zu werfen, um die Verjüngungstheorie bekanntzumachen und es kam schließlich sogar zu einem Treffen zwischen beiden. Nachdem Buttenstedt anschließend nichts mehr von dem anonymen Arzt hörte, fügte er dessen Ideen als entscheidenden fehlenden Baustein in seine eigene Theorie ein, die er dann unter dem Titel "Die Glücks-Ehe" publizierte (vgl. Fußnote 3).
Buttenstedts eigener Ansatz kann wie folgt beschrieben werden: Der tödliche Sündenfall der Menschheit besteht in der Ge trennung, was man an den einzelligen geschlechtslosen Lebewesen sehen könne, die ja un sterb lich seien. Die Geschlechtertrennung müsse al so über wun den werden. An dieser Stelle kommt das Stillen ins Spiel. Weder der Mann noch das Weib wären ein voller Mensch; dieser würde erst aus ihrer Ver schmel zung entstehen. Und die Verschmelzung erreicht man durch allmählichen Austausch des beider seitigen Blutes, und zwar in der Weise, "daß der Mann sich direkt an die Brust des geliebten Weibes lege und die Milch von ihr tränke, hierdurch würde das Weib gegen die Empfängnis gefeit, und der Mann gebe durch Vollziehung des Geschlechtsaktes, dem Weibe die von ihm durch die Milch empfangene Kraft dadurch wieder zurück, daß [...] seine Samenflüssigkeit vom Geschlechtsorgane der Frau auf gesogen und bei ihr ins Blut treten und dies an Kraft bereichern würde. [...] Das Blut beider verähnelt sich immer mehr, und die Geschlechter werden einander gleich." (Buttenstedt 1910: 23)

Der stete angenehm vollzogene Blut austausch soll das Leben ewig erhalten. Buttenstedt strebte an, daß der Blutaustausch schließlich sogar ganz über die Brüste erfolgt, indem auch die Frau Milch aus der Brust ihres geliebten Mannes saugt. Da die Natur nichts unnütz tue, müsse man genau hier den Sinn der männlichen Brustwarzen sehen. Der Koitus soll irgendwann vollständig durch das gegen seitige Säugen ersetzt werden (ebd.: 107) und das Sexualitätszentrum würde sich vollständig in die Brust verlagern.
Schließlich soll durch den Blutaustausch über die Milch eine Verjüngung erreicht werden und ewig lebende Übermenschen mit wunderbaren Fähigkeiten entstehen. Zudem empfiehlt Buttenstedt, an fangs eine möglichst junge Amme anzustellen, die mit ihrer Milch zu nächst das Blut das Mannes oder beider Ehepartner verjüngen soll, damit diese es leichter haben, sich anschließend gegenseitig durch ihre wechselseitige Milchgabe zu verjüngen. Aber Buttenstedt mahnt, dass mit der Amme unbedingt eine gegenseitige Sympathie bestehen muss und dass man sie aufs allerbeste behandeln soll, "damit sie mit voller Freude die Brust reicht, da Mißstimmung und Groll die Milch verschlechtert." (ebd.: 30)
Wer Buttenstedts "Glücks-Ehe"-Buch beziehen wollte, musste eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben, stolze 10,65 Reichsmark bezahlen, einen Ehe-Nachweis vorlegen (ledige Personen bekamen das Buch nicht), dann er hielt er ein durchnummeriertes Exemplar. Zudem wurde der Empfänger angehalten, seine Erfahrungen an Buttenstedt zurückzumelden.

Für viele Leser der "Glücks-Ehe" war die hohe Kinderzahl ein echtes so ziales Problem. Als Lehrer, Beamte, Professoren oder Inhaber einer kleinen Firma hatten sie einen gewissen Wohlstand geschaffen, aber 8 bis 12 Kinder sorgten dafür, dass dieser wieder zerrann. Denn die Falle war ja folgende: Wer das nötige Geld hatte, leistete sich nur allzu oft eine Amme für das neugeborene Kind. Ohne das Stillen nach der Geburt wurde die Frau jedoch sehr schnell wieder fruchtbar und weil Verhütung so wie heute, damals nicht möglich war, wurde die betreffende Frau im Schnitt sehr viel schneller wieder schwanger, als eine vergleichbare Frau, die ihr Kind selbst stillte.
Eine Geburtenkontrolle war unter den damaligen Bedingungen somit selbst dann hochwillkommen, wenn sie vielleicht unsicher in der Wirkung war, aber die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis dennoch erkennbar senkte. Und wenn die Methode noch nicht einmal störend beim Koitus war, sondern sogar mit höchstem Vergnügen verbunden und dazu noch die "kraftraubende" Regelblutung ersparte, dann um so mehr.
Die vielen Leserbriefe, die in den späteren Auflagen des Buches abgedruckt sind, lassen ahnen, dass für viele Leser das zu erreichende Glück nicht im Übermenschentum lag, sondern in der Geburtenkontrolle sowie im direkten Genuß des Stillvergnügens:

Buttenstedt fügte somit zwei praktische Erfahrungen zusammen machte dar aus eine Methode zur Geburtenkontrolle. Zum einen die Erfahrung, dass bei der Frau der Milchfluß auch ohne Schwangerschaft alleine durch Saugen in Gang gebracht werden kann, zum anderen die, dass bei einer Frau die Regel zum Erliegen kommt, wenn sie oft genug am Tag stillt:

Buttenstedts Nachfolger

Die öffentliche Wahrnehmung der Ideen Buttenstedts reichte von Häme, über Ungläubigkeit bis zu heller Empörung, hatte dieser doch starke Tabus verletzt. Öffentlich über Sexualität zu sprechen galt als gewagt, ja sogar das Stillen eines Kindes galt nicht selten als heikel [4], doch dann auch noch einen Mann an die Brust zu legen, dies übertraf alles Bisherige. Buttenstedt wurde wegen Unsittlichkeit verklagt, aber das Reichsgericht sprach ihn im November 1903 frei (vgl. Buttenstedt 1910, 54), ohne dass formale Gründe oder Zufälligkeiten irgend einer Art hierfür das Bestimmende waren (vgl. Abb. 4).

Trotz dieser Vorgeschichte fanden sich Nachahmer und Plagiatoren, die an Buttenstedts Ideen anknüpften, zudem gab es Raubdrucke seines Buches. Nach Buttenstedts Tod und dem restlosen Abverkauf aller Bücher war der "offizielle" Nachfolger Friedrich Robert, dem es im Wesentlichen aber nur um den Verhütungsaspekt ging. Er beschrieb Buttenstedts Ansatz in seinem eigenen Buch auf immerhin 40 Seiten (vgl. Abb. 5 und 6), nannte ihn aber zum Schluß eine "Schweinerei" [5], die Schwindsucht hervorruft und empfahl als Alternative diverse andere tauglich und untaugliche Verhütungsmethoden, sowie sein weiteres Buch Die Milch, der Würgengel unserer Kinder (Leichter, Berlin-Pankow: Linser-Verl. 1912).

Doch bereits 1906 war von Richard E. Funcke das Buch Eine neue Offenbahrung der Natur [6] erschienen, das den schon bei Buttenstedt vorhandenen Ansatz des "Übermenschen" in einer für die Lebensreform-Bewegung durchaus typischen Weise ins arisch-völkisch-rassistische hineinsteigerte (vgl. Abb. 7) und empfielt, die Brüste der Mädchen ab dem 13. Lebensjahr durch Massage mütterlicherseits auf ihre "Arbeitsleistung" vorzubereiten:

"Bei Mädchen vom dreizehnten Lebensjahre ab – sofern sie im allgemeinen gut entwickelt und weder blutarm noch nervös veranlagt sind – beginne die Mutter mit zwei oder drei gespreizten Fingern nur einer Hand mit kurzen Strichen über die Brüste und einem leichten Druck nach den Warzen zu. Die Brustwarzen streiche und drücke man selbstverständlich nicht mit! Mit der Zeit, wenn sich das Mädchen daran gewöhnt hat, kann dieses Streichen schon etwas kräftiger erfolgen. Doch nie soll diese Prozedur länger als jedesmal 3 bis 5 Minuten Zeit in Anspruch nehmen. Es ist für das Mädchen angenehmer, die Fingerspitzen vorher mit etwas Vaseline oder Molline zu befeuchten, um so eine schmerzhafte Reibung der zarten Haut zu vermeiden.
Diese Massage muss konsequent durchgeführt werden, bis die Brüste des Mädchens zur völligen Ausbildung gelangt sind, was allerdings in manchen Fällen ein Jahr und noch länger dauern kann. Die voll entwickelte Brust ist straff, doch nicht hart; sie zeigt zugleich ein starkes Hervortreten der Warzen, und das ist äusserst notwendig! [...] Diese Behandlung der Brust von Seiten der Mutter gehört zu den ersten Pflichten einer naturgemässen Mädchenerziehung! Sie empfahl schon vor Jahren der bekannte homöopathische Arzt Dr. Arthur Lutze allen Müttern!
Treten die ersten Zeichen der Menstruation auf, so wird bei gesund entwickelten Mädchen die Brust gleichfalls die Fähigkeit haben, die erste Milch geben zu können. Nur darf man nicht hoffen, dieselbe sofort reichlich zu erhalten!
Sie wird vielmehr in ganz winzigen Quantitäten – entsprechend dem Alter und der Konstitution der Mädchen – vorhanden sein. Soll indes ein Mädchen so jugendlichen Alters menstruieren, so wird natürlich die Milchsekretion ausser Tätigkeit zu bleiben haben. Andernfalls wird durch die Milchsekretion keine Menses eintreten, was dann jedoch nicht als Symptom einer Krankheit betrachtet werden darf! Denn – ich wiederhole hier – es kann immer nur eins fliessen: entweder die Milch oder das Blut. Bei Mädchen, die noch weit davon entfernt sind, in die Ehe zu treten, hat es nichts zu besagen, wenn sie anstelle der Milchsekretion menstruieren. Nur das ist notwendig, dass sie durch eine rationelle Körperpflege – zu der auch die Brustmassage zu zählen ist –, sowie durch eine entschieden naturgemässe Lebensweise fähig werden, zu jeder Zeit ihre Brüste in Aktion setzen zu können. Die Tätigkeit der Brüste wird um so erfolgreicher sein, je kräftiger ein Mädchen entwickelt ist.
Man befürchte durchaus nicht, dass die Massage der Brust in obenangegebener Weise bei jungen Mädchen eine Entzündung derselben verursachen könnte. Bei stark entwickelten, vollblütigen Mädchen wird es auch gar keiner langen Massagebehandlung der Brust bedürfen; die Milch wird vielmehr schon nach wenigen Tagen eintreten und ohne die geringsten Schmerzen abgezogen werden können. Solange ein Mädchen die Milchsekretion durch ein tägliches Abziehen derselben intakt erhält, wird bei demselben auch die Menstruation ausbleiben und eine eventuelle Prägnation nicht stattfinden können. Darum möge ein Mädchen auf jeden Fall ihre Brüste bis zur normalen Milchabgabe dann entwickeln, wenn es beabsichtigt, in den Braut- bezw. Ehestand zu treten. Denn dann hat es das junge Weib in der eignen Hand, entscheiden zu können, ob es Mutter werden will oder nicht. Die Sehnsucht nach dem Kinde wird es bestimmen, die Milch nach und nach zurückgehen zu lassen – genau wie es bei einem Weibe geschieht, welches ein Kind entwöhnt. Mit dem Versiegen des Milchbrunnens tritt aber die Menses wieder ein – das Zeichen, dass der Körper des Weibes vorbereitet ist zur eventuellen Befruchtung.
Wünscht jedoch ein Weib, von Geburten überhaupt bzw. von weiteren Geburten verschont zu bleiben, so kann es seinen Organismus gleichsam umstimmen, indem es in kurzer Zeit den Milchfluss hervorzulocken vermag.
Es bedarf also zur Vermeidung einer Schwangerschaft durchaus nicht sogenannter Vorbeugungsmittel, die ihrer Schädlichkeit halber, welche in den meisten Fällen stark an Onanie grenzt, aus jeder Ehe verbannt sein sollten. Denn es gibt einen Weg der Erlösung des Weibes aus der sexuellen Hörigkeit: den Weg der Natur, der auch in diesen internsten Fragen des Lebens dem Menschen die Hoheit des eignen Willens lässt; und dieser Weg ist hier gewiesen – ein Evangelium für unsere Mädchen- und Frauenwelt." (Funke 1906, 53ff)"

Ausblick in die Gegenwart

Ob es möglich ist, sein "Sexualitätszentrum" in die Brust zu verlagern, wie es Buttenstedt beschrieben hat, ist schwer zu beurteilen. Aber es gibt beispielsweise viele Querschnittsgelähmte, die als Ersatz für fehlende Empfindungen im Genitalbereich Orgasmen durch Stimulationen ganz anderer Körperregionen erreichen konnten und Youssef el-Masry [7] berichtete von einer Hypersensibilität der Brüste als Kompensation für die "Blendung" der Genitalien in orientalischen Regionen, in denen die sogenannte pharaonische (Total-) Beschneidung von Frauen/Mädchen üblich ist. Aber auch ohne Verlust der genitalen Empfindungen kann die Brust überaus empfänglich für sexuelle Reize sein, wie wohl niemand bestreiten wird und ein gewisser Prozentsatz der Frauen kennt es auch, daß man an der Brust im Allgemeinen und beim Stillen im Besonderen zum Orgasmus kommen kann.
Kann die Frau nun ohne vorangegangene Schwangerschaft Milch bekommen? – Grundsätzlich ja, aber wie schnell und wie viel hängt von sehr vielen Faktoren ab. Ich habe persönlich Hunderte von Erfolgsberichten gelesen, wobei hier in den meisten Fällen eine sexuelle Motivation zugrunde lag (weil dies mein Forschungsgegenstand war). Da mir keine systematische Forschung zu dieser Frage bekanntgeworden ist, kann ich nur abschätzen, dass die Milchbildung im Alter Mitte 20 am leichtesten zustande zu kommen scheint, einige Frauen berichteten, dass sie (wie von Buttenstedt angegeben) bereits nach 4 bis 5 Tagen Stimulation die ersten (weißen) Milchtropfen bemerkten. In diesen Fällen war die Milchbildung durch mehrmals tägliches Saugen des Partners und ggf. zusätzliche Stimulationen der Brustwarzen mit der Hand und/oder durch Pumpen zustande gekommen. Frauen nach den Wechseljahren, die noch nie zuvor gestillt hatten, berichteten dagegen häufig von Schwierigkeiten und konnten oft selbst nach Monaten nur wenige Tropfen Milch aus der Brust herausdrücken. Generell wird davon ausgegangen, daß die Milchbildung leichter zustande kommt, wenn die Frau früher schon einmal gestillt hatte und dies möglichst zeitnah. Aber grundsätzlich ist es nicht die Vorbedingung, dass je eine Geburt stattgefunden hat. Eine 24jährige Interviewpartnerin, die noch nie schwanger war, berichtete mir von mindestens 400ml Milch täglich und sie und ihr Partner bewiesen mir dies mit einer Videosequenz, die sie aufgenommen hatten.
Die Frage des Ausbleibens der Regel ist schwer zu beantworten. Erst in den letzten Jahren fand überhaupt eine systematische Forschung zur Still-Infertilität nach der Geburt statt und noch immer winken einige Praktiker bei der Frage nach dem Empfängnisschutz durchs Stillen nur mit der Bemerkung ab, dass dies unsicher sei. In vielen Ländern der Dritten Welt hingegen vertritt man aber die Auffassung, dass die Verhütung durchs Stillen bei armen Leuten eine immense Bedeutung hat, da diese sich oft gar keine andere Verhütung leisten könnten. So wurde in vielen Ländern intensiv zu dieser Frage geforscht und man faßte die bisherigen Ergebnisse als Laktationsamenorrhö-Methode (LAM) zusammen. Gebraucht wurde eine möglichst ganz einfache und leicht zu merkende Grundformel, die für alle Frauen gleichermaßen gilt und man einigte sich auf diese: LAM gilt ab dem 56. Tag nach der Geburt als sichere Methode, wenn die Frau noch keine Periode hatte (Schmierblutungen zählen nicht) und die Geburt nicht länger als 6 Monate zurückliegt. Es muß tagsüber mindestens alle 4 Stunden gestillt werden und nachts darf der Stillabstand nicht größer als 6 Stunden sein. Bei Studien wurde eine Sicherheit von mehr als 98% in 12 Monaten festgestellt (Pearl Index 2), wenn die eben genannten Kriterien zutreffen. Mehr wurde bisher noch nicht systematisch erforscht, weshalb darüber hinausgehende Aussagen derzeit nicht möglich sind. Man kann davon ausgehen, dass bei sehr vielen Frauen auch mit einer geringeren Stillfrequenz noch ein Empfängnisschutz besteht, aber hier kann man dann im Moment nur noch von einer geringeren Empfängniswahrscheinlichkeit sprechen. Aber auch das kann ja bereits von Bedeutung sein, unter anderem in der sogenannten Dritten Welt oder zum Beispiel wenn andere Verhütungsmethoden aus religiösen Gründen nicht in Frage kommen.
Mir wurde von einigen Frauen berichtet, dass bei ihnen auch durch das Saugen des Partners die Menstruation ausblieb, andere Frauen berichteten von einer veränderten Menstruation. Aber unter den Lebensumständen unseres Kulturkreises wird man mit dem Partner im Normalfall vermutlich eher selten auf die erforderliche Stillfrequenz zum Ausbleiben der Regel kommen.
Im Jahr 1909 brichtete E. Peters [8], dass ihm persönlich 4 Fälle bekanntgeworden waren, in dem Ehepaare nach Buttenstedts Methode verhüteten. Dazu schrieb er:
"Im ersten Falle fühlten sich beide Gatten sehr wohl und sahen blühend aus. Im zweiten versagte das Saugen als Verhütungsmittel, und die Frau wurde schwanger. In den beiden übrigen Fällen war die Geschlechtsempfindung beiderseitig bis ins Krankhafte durch das Saugen gesteigert, eine Möglichkeit, die auch Buttenstedt selbst zugibt."
Wird die Ehe nun glücklicher? Wenn ein Paar jeden Tag eine halbe Stunde lang mit Zärtlichkeiten verbringt, dann sollte dies allein positive Auswirkungen haben, selbst wenn das Stillen nur die Motivation dazu bildet.
Aber darüber hinaus sind in den letzten Jahren Forschungen zur Wirkung des "Still-Hormons" Oxytocin bekanntgeworden, die von Streß-Resistenz über Vertrauensseligkeit bis hin zu Partner-Treue und Brutpflegeverhalten reichen. Da beim Stillen sehr viel Oxytocin ausgeschüttet wird und das beim Stillen eines Kindes offenbar das Verhalten beeinflußt, kann man vermuten, dass es auch beim Stillen des erwachsenen Partners einen Einfluß hat, aber es gibt keine Forschungen zu dieser Frage.
Warum Buttenstedt und seine "Glücks-Ehe" völlig in Vergessenheit geriet, wird mehrere Gründe haben. Es folgte der erste Weltkrieg und die schwere Nachkriegszeit, in der man andere Probleme hatte und 1912 stellte Julius Fromm die ersten wirklich brauchbaren maschinell gefertigten Kondome her (die davor waren bis zu 2 mm dick und hatten eine Naht), was die Verhütungsfrage wesentlich erleichterte.
Und vielleicht kam hinzu, daß man froh war, dass die Frauen allmählich wieder ihre Kinder stillten und vermied deshalb, Stillen und Lust in einem Atemzug zu nennen.
Das, was Buttenstedt damals die "Glücks-Ehe" genannt hatte, gibt es heute aber immer noch, ohne dass es mit ihm in Verbindung gebracht wird. Heute wird es "Erwachsenen-Stillbeziehung" (Adult Nursing Relationship) genannt und die heutigen Still-Paare geben als Hauptmotiv meist die starke gemeinsamen Intimität und Bindung an. Wer sich dafür näher interessiert, den verweise ich auf mein das Buch Erotische Laktation [9]. Nur so viel: Wie bei Buttenstedts "Glücks-Ehe"-Paaren ist auch bei den heutigen erwachsenen Stillpaaren keine infantile Motivation erkennbar.

Autor

Roland Schöbl, c/o Denkholz BM, Treskowstr. 4, 13156 Berlin, mail: info[ÄT]denkholz[PUNKT]de

Fußnoten

[1] Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde auf Grund dreissigjähriger Forschung und Erfahrung bearbeitet, Stuttgart 1926–130, vgl. Fußnote auf S. 432f.
[2] Vgl. Bilderlexikon der Erotik, Bd 1 "Kulturgeschichte", Stichwort "Glücksehe, Buttenstedtsche", Herausgegeben vom Institut für Sexualforschung Wien 1928–1932. Eine erweiterte Neuauflage erschien 1961–1963 im Verlag für Kulturforschung Hamburg.
[3] Carl Buttenstedt, Die Glücks-Ehe: Die Offenbarung im Weibe. Eine Naturstudie. Zit. n. 6. Auf. Reform-Verlag, Berlin-Schöneberg 1910. [als PDF auf www.archive.org verfügbar]
[4] In einigen Regionen wie z.B. in Tirol, Schwaben und Oberbayern war damals selbst das Stillen des eigenen Kindes nicht üblich, sondern sogar galt als etwas Unanständiges, gar "Säuisches". Vgl. Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien 1906: 66.
[5] Friedrich Robert, Die Glücks-Ehe als die Offenbarung im Geschlechtlichen, Verlag Lebensreform Berlin 1912: 67
[6] Richard E. Funcke, Eine neue Offenbarung der Natur. Ein Geheimnis des sexuellen Lebens. Keine Prostitution mehr. Gebrüder Hiller, Hannover 1906
[7] Youssef el Masry und Brigitte Kahr, Die Tragödie der Frau im arabischen Orient. Rütten&Loening: München 1963.
[8] E. Peters, Die Beschränkung der Kinderzahl aus hygienischer und sozialer Notwendigkeit. 2. Aufl. Volkskraft-Verlag: Köln 1909: 69ff.
[9] Roland Schöbl: Erotische Laktation, Denkholz 2007, ISBN: 978-3-9811894-1-4. Bestellung über www.denkholz.de oder im Buchhandel.

Abbildungen

Abb. 1: Carl Christian Heinrich Buttenstedt, * 29. Juli 1845 in Volkstedt, Eisleben, † 20. September 1910 in Berlin-Friedrichshagen
Abb. 2: Buttenstedtweg in Berlin-Friedrichshagen nahe am Müggelsee
Abb. 3: Titelbild der Zeitschrift Deutsch Hellas
Abb. 4: Ausschnitt aus der Zeitschrift Deutsch Hellas (1907, Serie 1, Heft 1: 14f) mit einer Anzeige für Buttenstedts Buch, aus der der richterliche Freispuch Buttenstedts hervorgeht.
Abb. 5 und 6: Textauszug und Abbildung aus: Friedrich Robert, Die Glücks-Ehe als die Offenbarung im Geschlechtlichen, ein Buch, in dem Buttenstedts Ansatz aufgenommen ist.
Abb. 7: Titelbild zu Richard E. Funcke, Eine neue Offenbarung der Natur. Ein Geheimnis des sexuellen Lebens. Keine Prostitution mehr (1906)


Nachtrag

Buttenstedt bezichtigte Funcke des Plagiats, aber es liegt sehr nahe, daß beide ihre Ideen aus chinesischen (taoistischen) Quellen geschöpft haben.
Zum einen gibt es eine taoistischen Geheimlehre, bei der der Mann Yin-Essenzen aus der Brust seiner Frau saugen sollte, um ein langes Leben oder gar Unsterblichkeit zu erlangen. Zum zweiten kennt der Taoismus die sogenannte Hirschübung, bei der über eine spezielle Brustmassage die monatliche Regel der Frau unterdrückt werden soll.
Beide haben also keineswegs völlig neue Ideen verbreitet, wenngleich man Buttenstedt zugestehen muß, daß er tatsächlich recht phantasievoll mit den vorhandenen Ideen und Beobachtungen umgegangen ist.

Das Buch "Die Glücks-Ehe" ist bei Google-Books mittlerweise online lesbar und als PDF herunterladbar: http://books.google.de/books?id=VvOC7_h-kwkC&printsec=frontcover&hl=de